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Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Deutsch in multilingualen Kontexten

"Lassma Grammatik machen": Kiezdeutsch im Deutschunterricht


Weil Kiezdeutsch charakteristische Merkmale besitzt, die gut ins System des Deutschen passen, kann dieser urbane Dialekt ein sinnvolles Thema im Deutschunterricht sein, und in vielen Lehrwerken, vor allem in der Sekundarstufe, wird Kiezdeutsch berücksichtigt, wenn es um Sprachvariation und Jugendsprache geht.

        


Schüler*innenprojekte zu Kiezdeutsch können den Grammatikunterricht unterstützen und zur Sprachbildung beitragen. Wenn man im Unterricht das Interesse Jugendlicher an Sprache und Grammatik wecken will, kann Kiezdeutsch als spannendes Untersuchungsobjekt dienen. Schüler*innen können durch Projekte zu Kiezdeutsch einen interessanten Zugang zu grammatischen Themen finden und damit auch ein größeres Interesse an grammatischen Aspekten des Standarddeutschen entwickeln. Bei mehrsprachigen Jugendlichen hat sich zudem oft über Jahre hinweg ein sehr negatives sprachliches Selbstbild entwickelt, wenn in ihrer Familie neben dem Deutschen noch Sprachen gesprochen werden, denen oft ein niedriges Prestige eingeräumt wird, etwa das Türkische, Kurdische, oder Arabische. Wenn ein Sprachgebrauch wie Kiezdeutsch als Thema grammatischer Analysen im Deutschunterricht ernst genommen und nicht nur als „gebrochenes Deutsch“ kritisiert, sondern als Teil des Deutschen verstanden wird, steuert dies solchen negativen sprachlichen Selbstbild entgegen, das ein Hemmnis für die Sprachbildung sein kann. In der öffentlichen Debatte und z.T. auch im Bildungsbereich werden Sprecher*innen solcher weiterer Sprachen oft nicht als Deutsche akzeptiert, sondern ausschließlich als „Türk*innen“ etc. wahrgenommen (und Schüler*innen übernehmen diese ausgrenzende Wahrnehmung dann häufig irgendwann auch selbst). Die Diskussion von Kiezdeutsch als deutschem Dialekt kann auch solchen Ausgrenzungen entgegenwirken.

Im Deutschunterricht können Schüler*innen verschiedene Aspekte von Kiezdeutsch untersuchen, beispielsweise die Wortstellung, das Entstehen neuer grammatischer Konstruktionen oder auch das Auftreten türkischer und arabischer Wörter. Selbstaufnahmen, Daten aus Chatrooms, Mitschriften von Gesprächen im Alltag und Beispiele aus diesem Infoportal können als authentisches Arbeitsmaterial dienen, an dem sich grammatische und lexikalische Besonderheiten von Kiezdeutsch untersuchen lassen. Der Vergleich mit dem Standarddeutschen, die Diskussion von Parallelen und Unterschieden, ermöglicht einen alltagsnahen Einstieg in grammatische Themen des Deutschunterrichts und kann dabei helfen, Kenntnisse des Standarddeutschen zu vertiefen, auszubauen und, falls nötig, zu verbessern, was für die spätere berufliche Laufbahn und die gesellschaftliche Teilhabe der Jugendlichen ja wesentlich ist. In diesem Zusammenhang bietet sich eine Diskussion zu formellem, also beispielsweise im Schulunterricht verwendeten Deutsch, im Unterschied zu informellem gesprochenen Deutsch, das man eher unter Freunden spricht, an sowie zu Varietäten des Deutschen, die sich aus Sprachwandelprozessen ergeben.


Unter www.deutsch-ist-vielseitig.de finden sich vielfältige Materialien zu Sprachvariation und Mehrsprachigkeit, die direkt im Unterricht eingesetzt werden können, mit Handreichungen für Lehrer*innen, multimodalen Vorlagen, Folien, Arbeitsaufträgen und konkreten Ablaufplänen. Die Materialien sind für unterschiedliche Lerngruppen konzipiert, mit einem Schwerpunkt auf der Sekundarstufe, aber auch mit Modulen für Primarstufe und Kindergarten. Folgende Materialien können für Unterrichtseinheiten zu Kiezdeutsch genutzt werden: „Kiezdeutsch-Sprachforschung“, „Sprachsituationen“, „Typen erkennen“, „BallKontakte“, „Dialekttest“, „Wortschatz im Wandel“, „Sprachlandschaften“, „Zirkel Mehrsprachigkeit“.

 


Zum Nachschlagen und Weiterlesen:


Wiese, Heike (2012). Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: C. H. Beck.


Wiese, Heike (2010). Kiezdeutsch: ein neuer Dialekt. In: Politik und Zeitgeschichte 8/2010. [Themenband: „Sprache“]. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 33-38.


Wiese, Heike; Tracy, Rosemarie, & Sennema, Anke (2020). Deutschpflicht auf dem Schulhof? Warum wir Mehrsprachigkeit brauchen. Berlin: Duden-Verlag.


Schroeder, Christoph, & Wiese, Heike (2019). Kiez goes Uni – SchülerInnen untersuchen Sprachvariation und Mehrsprachigkeit mit MentorInnen der Universität. In: Anica Betz & Angelina Firstein (Hg.), Schülerinnen und Schülern Linguistik näher bringen. Perspektiven einer linguistischen Wissenschaftspropädeutik. Hohengehren: Schneider Verlag. S.216-234.


Wiese, Heike, & Mayr, Katharina (2017). „Lassma Kiezdeutsch forschen, lan!“ – explorative Schülerprojekte zum Entdecken von Sprache abseits des Standards. In: Elisabeth Berner (Hg.), Sprache–Literatur–Region im Deutschunterricht: Fachliche Grundlagen und Unterrichtsanregungen. Potsdam: Universitätsverlag Potsdam. S.148-162.


Wiese, Heike (2014). Sprachliche Variation und Grammatikanalyse. Fallbeispiel Kiezdeutsch. Der Deutschunterricht 4. S. 82-87 [Themenheft Schulgrammatik – Grammatik in der Schule, hrsg. von Peter Schlobinski & Oliver Stenschke].


Wiese, Heike (2011). Führt Mehrsprachigkeit zum Sprachverfall? Populäre Mythen vom „gebrochenen Deutsch“ bis zur „doppelten Halbsprachigkeit“ türkischstämmiger Jugendlicher in Deutschland. In: Şeyda Ozil, Michael Hofmann, & Yasemin Dayıoğlu-Yücel (Hg.), Türkisch-deutscher Kulturkontakt und Kulturtransfer. Kontroversen und Lernprozesse. Göttingen: V&R Unipress. S.73-84.