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Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Deutsch in multilingualen Kontexten

Wer spricht Kiezdeutsch?


Kiezdeutsch hat sich zunächst als Umgangssprache unter Jugendlichen im urbanen Raum entwickelt. Mittlerweile wird es breiter verwendet und z.B. auch von jungen Erwachsenen gesprochen, und wer Kiezdeutsch als Jugendliche*r gelernt hat, hat es auch später noch in seinem sprachlichen Repertoire und kann es z.B. noch mit Freund*innen nutzen.  

Zur Entstehung von Kiezdeutsch haben Jugendliche in Wohngebieten mit einem hohen Anteil mehrsprachiger Sprecher*innen beigetragen. Entgegen der vorherrschenden öffentlichen Meinung ist Kiezdeutsch aber nicht auf mehrsprachige Sprecher*innen oder speziell auf solche mit Türkisch- oder Arabischkenntnissen beschränkt, sondern wird auch von einsprachig deutschen Sprecher*innen verwendet. – Kiezdeutsch integriert! Dabei ist es grundsätzlich auf den umgangssprachlichen Bereich beschränkt: In formelleren Situationen wird Kiezdeutsch – wie andere Umgangssprachen und Dialekte auch – nicht verwendet. Ob einsprachig oder mehrsprachig: Kiezdeutsch-Sprecher*innen sind typischerweise in Deutschland geboren und daher auch mit dem Deutschen aufgewachsen, sie sind grundsätzlich Sprecher*innen des Deutschen, und das zeigt sich auch an diesem Dialekt.

Dass Kiezdeutsch als deutscher Dialekt einzuordnen ist, ist für manche überraschend, in einigen Beiträgen zur öffentlichen Diskussion stößt es sogar auf vehemente Ablehnung. Wenn man sich solche Debatten genauer ansieht, wird deutlich, dass es hier oft nicht so sehr um sprachliche Fakten geht, sondern eher um Einstellungen gegenüber den Sprecher*innen: Wer Kiezdeutsch-Sprecher*innen nicht als Teil der deutschen Gesellschaft akzeptiert und Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ nicht auch als deutsch, sondern nur als türkisch, arabisch etc. wahrnimmt, hat dann auch Probleme, sie als Sprecher*innen eines deutschen Dialekts zu verstehen. Bei solchen Einstellungen wird dann z.B. das „Texas German“, das von Nachkommen deutscher Einwanderer in den USA gesprochen wird, problemlos als deutscher Dialekt akzeptiert, auch wenn seine Sprecher*innen seit Generationen nicht mehr in Deutschland leben, aber Kiezdeutsch, das in der Mitte unserer Gesellschaft gesprochen wird und sich innerhalb des Deutschen entwickelt, löst Ablehnung und Ängste aus. Glücklicherweise entwickelt sich dies mittlerweile deutlich zum Positiven, und auch in der breiteren gesellschaftlichen Debatte erkennen wir immer mehr, dass Deutschland als Land, das schon immer auch ein Einwanderungsland war, auch von sprachlicher Vielfalt profitiert, die ihre Wurzeln in Zuwanderung hat, sich aber in späteren Generationen neuer deutscher Sprecher*innen weiterentwickelt, und dass diese Vielfalt – sei es in Form neuer Dialekte wie Kiezdeutsch oder in Form weiterer Familiensprachen wie Türkisch, Griechisch oder Russisch – ein Reichtum ist, den wir wertschätzen und nicht verschenken sollten.

 


Zum Nachschlagen und Weiterlesen:

Wiese, Heike (2012). Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: C. H. Beck.

Wiese, Heike (2018). Die Konstruktion sozialer Gruppen: Fallbeispiel Kiezdeutsch. In: Eva Neuland & Peter Schlobinsky (Hg.), Sprache in sozialen Gruppen. Berlin, New York: de Gruyter [Handbuchreihe Sprachwissen, Band 9]. S.331-351.