Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - DDR-Korpus

Liebe Leserin, lieber Leser,

Es ist richtig und notwendig, dass Sie bei Ihrer Beschäftigung mit der Sprache in der DDR auf dieses Korpus zurückgreifen. Es enthält Texte, die bislang nirgendwo veröffentlicht wurden und vornehmlich der Alltagssprache angehören. Damit erhalten Sie – über offizielle und literarische Texte hinaus – einen differenzierten Einblick in Sprachsituationen, die das Leben in der DDR prägten und die jeder mehr oder minder gut beherrschte.
Da ich selbst im Osten Berlins gelebt und gearbeitet habe, fiel es mir nicht schwer, diese Texte zusammenzutragen. Was an kommunikativen Ereignissen wichtig war, wusste ich aus eigener Erfahrung. Daher konnte ich auf Dokumente aus meinem Aktenschrank zurückgreifen, ebenso auf Texte von Freunden, Bekannten und Kollegen. Germanistik-Studenten der Humboldt-Universität sowie deren Eltern und Großeltern trugen das ihre zur Textsammlung bei. Darüber hinaus gründeten sich in den frühen 1990er Jahren in allen neuen Bundesländern sogenannte DDR-Museen, aus deren Besitz ich ohne bürokratische Hürden schöpfen konnte.
Das Ergebnis war der bereits 1995 beim Aufbau-Verlag erschienene Sammelband „Mit sozialistischen und anderen Grüßen. Porträt einer untergegangenen Republik in Alltagstexten“. Er enthält mehr als 300 authentische Texte und Gespräche aus dem Alltag in der DDR. Die Gliederung folgt den Stationen eines Lebens, beginnt also mit einer Geburtsanzeige und endet mit einer Todesanzeige in der Zeitung. All diese Texte sind zwischen dem 7. Oktober 1949 und dem 2. Oktober 1990 auf dem Gebiet der DDR entstanden.
Um diese und andere alltägliche DDR-Texte einem sprachlich interessierten Publikum leichter zugänglich zu machen, stellte ich bereits 2006 die Sammlung „Texte aus der DDR“ ins Netz. Der Aufbau-Verlag erteilte mir die freundliche Genehmigung, auf die von mir zusammengetragenen und bereits 1995 veröffentlichten Texte zurückzugreifen.
An den Texten hat sich natürlich seitdem nichts geändert. Sie sind so, wie sie sind. Die Auswahl wird in Zukunft noch durch andere Textsorten erweitert werden. Die biographischen und bibliographischen Angaben von 2006 werden durch eine „Auswahlbibliographie zur Sprache in der DDR“ ersetzt. Damit erhalten Sie als Leserin und Leser die Möglichkeit, sich selbständig mit diesem sprachhistorischen Gegenstand zu beschäftigen.

Ruth Reiher im August 2022