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Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Deutsch in multilingualen Kontexten

Sprachliche Innovation in Kiezdeutsch


In Medien und Comedy-Shows wird Kiezdeutsch mitunter als sprachlich reduzierte Mischsprache mit vielen grammatischen Fehlern dargestellt. In der öffentlichen Diskussion wird deshalb manchmal die Befürchtung geäußert, dieses „gebrochene Deutsch“ könnte auf das Standarddeutsche abfärben und es grammatisch beeinträchtigen. Kiezdeutsch ist aber kein gebrochenes Deutsch, sondern weist interessante sprachliche Neuerungen auf.


Neben grammatischen Vereinfachungen zeigt sich in Kiezdeutsch ein großes Maß an sprachlicher Kreativität und grammatischer Innovation. In Kiezdeutsch treten neue Fremdwörter z.B. aus dem Englischen, dem Türkischen und dem Arabischen auf, es entstehen neue Wendungen und sogar neue grammatische Konstruktionen. Diese sprachlichen Neuerung passen in das System des Deutschen, Kiezdeutsch erweist sich hier als integrierter Dialekt: Es bedient sich aus dem sprachlichen Angebot des Deutschen und weitet bereits existierende Muster aus. Das ist nicht überraschend, wenn man sich vor Augen führt, wie dominant das Deutsche als Majoritätssprache in Deutschland ist. Weil Deutsch im öffentlichen ebenso wie im privaten Raum und nicht zuletzt in der Schule eine so beherrschende Stellung einnimmt, ist es auch in mehrsprachigen Familien typischerweise Teil der Familienkommunikation, und für Kinder und Jugendliche, die hier aufwachsen, ist es die dominante Sprache.


Kiezdeutsch ist keine formelhafte, grammatisch reduzierte, fehlerhafte Sprache, die sich in ritualisierten Drohgebärden erschöpft, wie sie oft karikaturhaft zitiert werden („Was guckst du?“ „Bin ich Kino?“ „Ich mach dich Messer!“). Kiezdeutsch ist zwar auch charakterisiert durch verschiedene grammatische Vereinfachungen, etwa im Bereich der Flexion und dem Gebrauch von Funktionswörtern wie Artikeln und Pronomen oder auch dem Verb sein. Es bleibt jedoch nicht bei diesen Vereinfachungen; bei genauerer Betrachtung zeigt sich in Kiezdeutsch die Entstehung neuer sprachlicher Ausdrücke und eigener grammatischer Muster. Hier liegt das innovative Potenzial von Kiezdeutsch.


Lexikalische Neuzugänge werden als neue Fremdwörter in Kiezdeutsch integriert, so wie es auch von anderen Fremdwörtern im Deutschen bekannt ist. Ihre Aussprache wird eingedeutscht. Außerdem werden diese neuen Fremdwörter nach den Regeln der deutschen Grammatik verwendet und ändern auch ihre Bedeutung bei dieser Integration. So wird das aus dem Türkischen stammende lan z.B. so ähnlich gebraucht, wie wir das von Alter in der Jugendsprache kennen, und das türkisch-arabische wallah so ähnlich wie echt.

 


Diese Integration findet man auch auf der Ebene der Sprachbenutzer*innen. Als Fremdwörter werden neue Ausdrücke aus dem Türkischen, Arabischen etc. von Sprecher*inne/n unterschiedlicher Herkunft gleichermaßen benutzt, auch von solchen, bei denen Arabisch oder Türkisch nicht zum sprachlichen Repertoire in der Familie gehört. Genauso, wie keine Englischkenntnisse dafür nötig sind, Wörter wie Job oder Computer im Deutschen zu gebrauchen, kann man lan auch verwenden, ohne Türkisch zu sprechen. Kiezdeutsch greift also auf weitere Sprachen seiner Sprecher*innen zu, aber es tut dies aktiv und integrativ, d.h. Ausdrücke aus anderen Sprachen werden nicht einfach in Form einer „Sprachmischung“ der Sprache unbesehen hinzugefügt, sondern verarbeitet und so verändert, dass sie in das sprachliche System des Deutschen passen.

 


Neue grammatische Muster in Kiezdeutsch entstehen oft durch den Einfluss der „Informationsstruktur“, d.h. der Art und Weise, wie die Information, die ein Satz liefert, sprachlich verpackt wird: Durch seine größere grammatische Offenheit bietet Kiezdeutsch im Vergleich zum Standarddeutschen oft breitere Möglichkeiten, Information besonders deutlich und/oder effizient zu strukturieren.
Ein Beispiel ist die Wortstellung: Wenn man z.B. jemandem mitteilen möchte, dass man morgen ins Kino gehen wird, dann kann es aus informationsstruktureller Sicht sinnvoll sein, erst den zeitlichen Rahmen deutlich zu machen („morgen“), dann den/die Handelnden zu nennen (z.B. „wir“) und dann die Handlung („gehen“). Im Standarddeutschen ist dies nicht möglich, man muss hier das Verb grundsätzlich an die zweite Stelle setzen, könnte also z.B. sagen „Morgen gehen wir ins Kino“, aber nicht „Morgen wir gehen ins Kino.“. Im ersten Fall erfährt man erst, um wen es eigentlich geht, wenn man schon Zeit (morgen) und Handlung (gehen) weiß. Im zweiten Fall haben wir dagegen die informationsstrukturell präferierte Abfolge, und dies ist in Kiezdeutsch auch möglich.


Das bedeutet aber nicht, dass in Kiezdeutsch Sätze grundsätzlich anders funktionieren als im Standarddeutschen, die Wortstellung „Adverbial – Subjekt – Verb“ ist nur eine Möglichkeit neben der standarddeutschen Wortstellung mit dem Verb an zweiter Stelle, und diese Standardversion wird sehr viel häufiger genutzt (in unserem Korpus beispielsweise in über 98% der Fälle!).


Kiezdeutsch nutzt also die Möglichkeiten, die das Deutsche im Bereich von Grammatik und Wortschatz bietet, und baut sie aus. Besonders genutzt werden hierbei Entwicklungen des Deutschen, die sich in der gesprochenen Sprache und in informellen Situationen zeigen.


Wir alle beherrschen unterschiedliche sprachliche Varietäten, Register und/oder Stile. So sprechen wir im Allgemeinen neben dem Standarddeutschen noch einen Dialekt, z.B. eine regionale Varietät wie das Berlinische, Sächsische oder Bairische. Außerdem verwenden wir ein anderes, stärker informelles Deutsch innerhalb der Familie oder in Gesprächen mit Freund*innen. Im Unterschied dazu wählt man z.B. im Umgang mit der Vorgesetzten, bei einer wichtigen Prüfung oder auf einem öffentlichen Vortrag einen distanzierteren, eher formellen Stil.


Genauso verwenden Sprecher*innen, die Kiezdeutsch sprechen, daneben auch noch andere Varietäten und Sprachstile. Kiezdeutsch ist daher keine Bedrohung des Standarddeutschen, sondern trägt durch die Entwicklung eigener sprachlicher Elemente und innovativer grammatischer Muster zur sprachlichen Vielfalt bei.

 


Zum Nachschlagen und Weiterlesen:


Wiese, Heike (2012). Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. München: C. H. Beck.


Wiese, Heike (2010). Kiezdeutsch: ein neuer Dialekt. In: Politik und Zeitgeschichte 8/2010. [Themenband: „Sprache“]. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 33-38.


Wiese, Heike, & Pohle, Maria (2016). „Ich geh Kino“ oder „… ins Kino“? Gebrauchsrestriktionen nichtkanonischer Lokalangaben. Zeitschrift für Sprachwissenschaft 35 (2). S. 171-216.


Wiese, Heike; Öncü, Mehmet Tahir, & Bracker, Philip (2017). Verb-dritt-Stellung im türkisch-deutschen Sprachkontakt: Informationsstrukturelle Linearisierungen ein- und mehrsprachiger Sprecher/innen. Deutsche Sprache 2017 (1). S. 31-52.


Freywald, Ulrike, & Wiese, Heike (Hg.). Deutsche Sprache der Gegenwart. Stuttgart: Metzler. Erscheinen geplant für 2020. [Kap.2: H. Boas & H. Wiese: „Ein Land – eine Sprache?“; Kap.5: H. Wiese „Prozesse an der Schnittstelle von Form und Bedeutung“].


Wiese, Heike (2013). What can new urban dialects tell us about internal language dynamics? The power of language diversity. Linguistische Berichte Sonderheft 19 [„Dialektologie in neuem Gewand. Zu Mikro-/Varietätenlinguistik, Sprachenvergleich und Universalgrammatik“, hrsg. von Werner Abraham & Elisabeth Leiss]. S. 207-245.